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Verzahnung von Handwerk und Wissenschaft wird wichtiger

Montag 21. Februar 2011 von mschuette

Das Handwerk ist für alle Bewerber offen, die eine Ausbildung machen wollen und an einem Handwerksberuf interessiert sind – ob Hauptschüler oder Abiturient. Das betont Handwerkspräsident Otto Kentzler in einem Interview mit der WAZ (18. Februar 2011). Kentzler ermuntert Handwerksmeister die neuen Zugangsmöglichkeiten zu den Hochschulen zu nutzen: “Die Verzahnung von Handwerk und Wissenschaft wird wichtiger, da die Industrie auch Forschung und Entwicklung auslagert.”

Herr Kentzler, das Handwerk hinkt beim Wachstum im Vergleich zu anderen Branchen etwas hinterher. Warum?

Otto Kentzler: Weil der Winter Ende 2010 sechs Wochen lang zugeschlagen hat. Im Baugewerbe war Funkstille. Das zieht die Handwerkskonjunktur insgesamt nach unten. Die Auftragslage ist aber gut, es geht deutlich aufwärts. Im Vergleich zu anderen Bereichen ist das Handwerk in der Krise auch nicht so in die Knie gegangen, wir waren ein stabilisierender Faktor.

Wie groß sind die Chancen für junge Menschen, im Handwerk einen Ausbildungsplatz zu bekommen?

Kentzler: Die Chancen stehen sehr gut, denn das Angebot an Lehrstellen wächst im Handwerk im Aufschwung weiter. Im vergangenen Jahr blieb die Zahl der neuen Ausbildungsverträge stabil. Dazu hat vor allem Nordrhein-Westfalen beigetragen mit einem Plus, im Kammerbezirk Dortmund lag der Zuwachs bei der betrieblichen Ausbildung sogar über 7 Prozent. Im Osten  haben die Betriebe dagegen zu wenig Bewerber, da immer weniger Jugendliche die Schule verlassen.

Im Jahr 2010 blieben zwischen 7000 und 10.000 Ausbildungsstellen im Handwerk unbesetzt. Ist das Handwerk unattraktiv oder sind die jungen Menschen zu schlecht vorbereitet?

Kentzler: Die Zahl der Schulabgänger wird im Osten weiter sinken, im Westen beginnt der Trend in zwei, drei Jahren. Wir haben also vor allem ein demografisches Problem. Der Wettbewerb um den Nachwuchs hat begonnen. Unsere Linie im Handwerk ist klar: Wir sind für alle Bewerber offen, die eine Ausbildung machen wollen und an einem Handwerksberuf interessiert sind. Dabei nehmen wir durchaus auch die Bewerber mit schwachen Zeugnissen mit. Viele blühen in der Ausbildung erst auf. Auf dem Weg hin zur Gesellenprüfung leisten die Betriebe ja auch Unterstützung, etwa durch Nachhilfe.

Der Abi-Doppeljahrgang könnte ihnen Nachwuchsprobleme vom Hals schaffen.

Kentzler: Da erwarten wir schon einen Schub, das gilt auch für den Wegfall der Wehrpflicht. Wir werben um mehr Abiturienten, machen deutlich, welche Karrierechancen das Handwerk bietet. Aber auch ein Hauptschüler kann bei uns durchstarten: Nicht umsonst haben wir durchgesetzt, dass Handwerksmeister Zugang zu den Hochschulen erhalten. In den nächsten drei Jahren wollen wir erreichen, dass fünf Prozent der Meister die neue Chance zum Studium und damit Weiterqualifizierung auch nutzen. Die Verzahnung von Handwerk und Wissenschaft wird immer wichtiger, da die Industrie auch Forschung und Entwicklung an die Zulieferbetriebe auslagert.

Von den Jungen zu den Alten. Was halten sie von der Rente mit 67?

Kentzler: Wir müssen die Betrachtung umdrehen, nicht von Rente mit 67 reden, sondern von Arbeit bis 67. Die Gewerkschaften sperren sich noch. Aber hier müssen alle gesellschaftlichen Kräfte mitarbeiten, weil der Generationenvertrag sonst nicht funktioniert. Die Rente ist ja nicht die private Spardose eines jeden.

Also müssen Handwerker doch mit 67 auf die Leiter oder schwere Eimer schleppen.

Kentzler: Es geht um Personalmanagement. Betriebe und unsere Handwerksorganisationen vor Ort müssen vor allem Ideen entwickeln und durchsetzen, damit Arbeit bis 67 für jeden nach seiner Leistungsfähigkeit möglich ist. Ältere Mitarbeiter müssen beispielsweise rechtzeitig qualifiziert werden, damit sie in körperlich weniger anstrengenden Bereichen eingesetzt werden können. Etwa im Einkauf oder bei der Bewertung von Gebäuden.

Die Wegwerfgesellschaft, so heißt es, sei auf dem Rückzug. Ihre Erfahrungen?

Kentzler: Ich kann bestätigen, dass es eine Rückbesinnung auf echte Werte gibt. Die Menschen investieren wieder in die eigenen vier Wände, statt in risikoreiche Bankpapiere. Klassische Handwerksberufe leben auf, auch weil die Menschen individuelle statt uniformer Produkte wünschen. Der Schuhmacher oder die Hutmacherin zum Beispiel. Andere Berufe wie etwa der Orthopädieschuhmacher oder Hörgeräteakustiker boomen, weil die älter werdenden Menschen sie brauchen.

Interview: Thomas Wels und Kai Wiedermann

Quelle: www.zdh.de

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 21. Februar 2011 um 14:21 und abgelegt unter Ausbildung. Kommentare zu diesen Eintrag im RSS 2.0 Feed. Sie können einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf Ihrer Seite einrichten.

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